Die Geschichte der Kirchengemeinde Lieme

Ursprünglich

gehörte Lieme wie einige andere Siedlungen rund um Lemgo (Leese, Hörstmar, Entrup, Lüerdissen, Spork) zu der "Taufkirche für den Limgau - St. Johann". Die Kirchengemeinde St. Johann baute noch in vorreformatorischer Zeit eine kleine Kapelle in "Großen-Lieme".

Die Glocke dieser Kapelle trägt die Jahreszahl 1482 und befindet sich heute in Lockhausen.

Nach Einführung der Reformation in Lemgo im Jahre 1528 wurde in dieser Kapelle eine Sonntagsschule errichtet, in der der jeweilige Küster von St. Johann, die Kinder in Lieme in Luthers kleinem Katechismus unterrichtete.

Um 1600 fanden dort keine Gottesdienste mehr statt und das Gebäude verfiel. Die Bewohner von Lieme fühlten sich vernachlässigt. Sie wehrten sich 1613 erfolgreich dagegen, dass die zur Kapelle gehörenden Einkünfte der Kirche St. Johann zugute kamen. 1619 wurde die Kapelle zwar von Grund auf erneuert und die Pfarrer von St. Johann hielten einige Male im Jahr hier wieder Gottesdienst, aber der Wille selbständig zu werden wuchs. 

 

Die Anfänge

Schon 1698 sprachen der Armendeche » Dr. Engelbert Kaempfer, der Armendeche Führing, der Krüger Nieweg und der Kommerziant Huxoll in einer Audienz beim Grafen Rudolf zur Lippe-Brake vor und baten um Errichtung einer selbständigen Kirchengemeinde Lieme. Graf Rudolf lehnte diese Bitte wegen des Einspruches der Kirchengemeinde St.Johann Lemgo ab. Lieme bildete damals rund ein Drittel der Gemeindeglieder.

1709 fiel das Amt Brake wieder an die Hauptlinier der Grafen zur Lippe-Detmold zurück und die Liemer wandten sich 1726 nun an den regierenden Grafen Simon Heinrich Adolph. In einer Audienz am 23. September 1726 genehmigte der Graf die Anstellung eines Predigers und Gründung einer selbständigen Pfarre, nachdem sich die Liemer verpflichtet hatten, einen Betrag von 805 Reichstaler aufzubringen und davon das alte Schulhaus als Pfarrwohnung neu aufzubauen, die Kapelle zu einer Kirche zu erweitern, ein neues Küsterhaus zu errichten, den Prediger zu unterhalten und ihm ausreichend Ackerland aus der Gemeinde auszuweisen.

Das Geld wurde erbracht, durch eine angeordnete Kollekte in allen lippischen Städten (125 Reichstaler), den Verkauf von Kirchenstühlen an die Grundbesitzer der Bauernschaft Lieme und des Wohnplatzes Lückhausen, sowie ein Darlehn.
Die Kapelle wurde bis zum 13. Oktober 1726 zu einer Fachwerkkirche erweitert und am 3. Advent hielt der von Haustenebeck nach Lieme berufene Prediger Adam Conrad Köller seine Antrittspredigt über Apostelgeschichte 6.
Die neue Kirchengemeinde umfasste etwa 450 Gemeindeglieder, zu denen auf Antrag auch die drei Lückhauser Höfe, der Büllinghauser Hof und nach langen Verhandlungen mit dem Amt Schötmar der Hof von Cord Heinrich Hengstheiders gehörte.

Zur Demonstration seiner gräflichen Episkopalgewalt, die ihm von einer lippischen Nebenlinie bestritten wurde, ließ der Graf Adolph einen großen Stifterstein in der Kirche aufstellen mit seinem Wappen und dem seiner Ehefrau und der Inschrift:


Von Gottes Gnaden
Simon Heinrich Adolph,
Regierender Graf und
Edler Herr zur Lippe,
Schwalenberg, Varenholz, Vianen, Ameinden,
Erbburgraf
et ecetera

Von Gottes Gnaden
Johannetta Wilhelmina
geborene Fürstin zu Nassau,
vermählte regierende Gräfin zur Lippe, Schwalenberg,
Fürstin von Vianen und Ameinden, Erbburgräfin zu Utrecht,
Gräfin zu Schwalenberg und Sternberg, Fürstin zur Lippe et ecetera.

 

Die Kirchengemeinde im 19. Jahrhundert

Der Siebenjährige Krieg (1756-1763), die Napoleonischen Kriege (1806-1814), die Agrarreform des frühen 19. Jahrhunderts und die Revolution 1848/49 blieben auch für Lieme nicht ohne Auswirkungen. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, hier seien nur der Niedergang des Leinengewerbes und das Aufkommen des Zieglerwesens genannt, wirkten sich auf das Gemeindeleben aus.

Aufklärung

Großer Einfluss ging auch von den geistigen Strömungen des 18. und des 19. Jahrhunderts aus. Ende des 18. Jahrhunderts setzte sich in Europa die Aufklärung durch, eine Bewegung der Gebildeten. Die Aufklärer wandten sich gegen alle kirchlichen Dogmen und gegen die Bevormundung der Menschen durch die Kirche. Die evangelischen Pastoren sollten nach ihren Vorstellungen vornehmlich "Volkslehrer, Volksbildner und Sittenverbesserer" sein. So predigten „aufgeklärte Pastoren" über Fragen der Landwirtschaft, Gartenbau, Bienenzucht oder Kindererziehung. Unter den Liemer Pastoren war vor allem Johann Daniel Jenin (1772-1777) ein Vertreter der Aufklärung.

Rückbesinnung auf biblischen Grundlagen des Protestantismus

Mit Pastor Dr. Friedrich Pustkuchen (1820-1827) wirkte in Lieme ein Pfarrer, der noch weitgehend vom rationalistischen Zeitgeist geprägt war, aber mit seinen theologischen und pädagogischen Schriften eine Rückwendung zu den biblischen Grundlagen des Protestantismus vorbereitete. Dafür zeugt der 1822 von ihm veröffentlichte Katechismus „Grundzüge des Christenthums", in dem Pustkuchen auf die Frage „Ist unsere Vernunft oder die Heilige Schrift höher zu achten?" antwortet: „Sie sind beide von Gott, und ohne die Vernunft könnte uns die Heilige Schrift nicht zur Seligkeit helfen, ohne die Heilige Schrift aber nicht die Vernunft. Doch wie ein Lehrer über seinem Schüler ist, so ist der Unterricht Gottes höher als die Vernunft!" Entschieden setzte sich Dr. Pustkuchen für die Liemer Einlieger, die sozial Schwachen seiner Zeit, ein.

Erweckungsbewegung

Wenige Jahrzehnte später sammelten sich in der Erweckungsbewegung alle diejenigen, die eine radikale Rückwendung auf die Bibel und die Grundsätze der Reformation für notwendig hielten. Unter dem Einfluss dieser pietistischen Erweckungsbewegung bildeten sich Bibelkreise und Missionsvereine. Auch in Lieme fand diese Volksbewegung ihre Anhänger, die sich nach Einführung der Religionsfreiheit im Revolutionsjahr 1848/49 zum Teil von der Kirchengemeinde Lieme trennten und mit Gleichgesinnten die Neue Evangelische Gemeinde Lemgo gründeten.
Zu ihnen gehörte der Landwirt Ernst Brand, der Kirchenältester der neuen Gemeinde wurde, und einige Familien von der Wittighöferheide. Nach Auflösung der Neuen Evangelischen Gemeinde Lemgo im Jahre 1858 kehrte Brand in die Kirchengemeinde Lieme zurück, während sich die Wittighöferheider Familien anderen Lemgoer Kirchengemeinden anschlossen, denen sie bis zum 2. Weltkrieg angehörten.
Auf das kirchliche Leben hatte die Erweckungsbewegung nachhaltigen Einfluss.Wenn Lieme auch nicht zu den lippischen Schwerpunkten dieser pietistischen Bewegung zählte, so zeigten sich ihre Auswirkungen auch in der hiesigen Gemeinde: die Wiedereinführung des Heidelberger Katechismus durch Pastor Mors im Jahre 1856, die Ersetzung des rationalistischen durch ein vom Evangelium her gestaltetes Gesangbuch durch Pastor Schmidt im Jahre 1864 und die Feier von Hofmissionsfesten auf der Hengstheide (Hof Klusmeier) sind dafür Belege.

Auf landeskirchlicher Ebene entstanden im Zeitalter der Erweckungsbewegung zahlreiche Anstalten der Inneren Mission, als deren bedeutendste die Anstalt Eben-Ezer im Lemgo (1862) und das Diakonissenhaus in Detmold (1899) zu nennen sind. Alle diese Einrichtungen wurden und werden noch heute von den lippischen Kirchengemeinden durch Kollekten und Spenden mitgetragen.

Im 20. Jahrhundert

Während der beiden Weltkriege war die Kirche der Ort in Lieme, an dem das große Leid besonders deutlich sichtbar wurde, das diese Kriege über die Menschen unserer Gemeinde gebracht haben. In zahlreichen Trauerfeiern gedachten Hinterbliebene und Gemeinde der 225 Männer und Frauen, die fern der Heimat gefallen oder verstorben waren.
Unter dem Eindruck der Niederlage und dem Zusammenbruch der Monarchien in Deutschland erhielt das Gemeindeleben in der Kirchengemeinde Lieme durch die private Initiative einiger, pietistischen Kreisen nahestehenden Gemeindeglieder, starke Impulse.

Pietistische Impulse

Um 1920 begründete der Schuhmachermeister August Kirchhof einen Bibelkreis, der sich regelmäßig in einem Klassenzimmer der Volksschule (später  Clubhaus) versammelte und dort seine „Bibelstunden" abhielt.
Diese „Bibelstunde" wurde 1934 von Pastor Schmidt (1934-1960) zu einer „offiziellen" Gemeindeveranstaltung erklärt. Zu diesem Zeitpunkt siedelte sie aus der Volksschule in das Alte Pfarrhaus über.
August Kirchhof war auch der Begründer der Kindergottesdienste. Im Jahre 1925 hielt er die erste „Sonntagsschule" für Kinder in seiner Werkstatt ab. Bald war die Zahl der teilnehmenden Kinder so groß, dass die Veranstaltung auf der großen Deele des Hauses Kirchhof abgehalten werden musste. Dieses Provisorium, die Kinder saßen auf Brettern und alten Stühlen, konnte keine Dauerlösung sein. Deshalb zog der Kindergottesdienst schon bald mit Genehmigung des Kirchenvorstandes in den » Konfirmandensaal auf den Pfarrhof um. Ab 1934 wurde er gemeinsam von Herrn Kirchhof und Pastor Schmidt geleitet, die einen Helferkreis aufbauten und die Kinder in der Kirche, wohin der Kindergottesdienst verlegt worden war, nach Altersgruppen getrennt betreuten. Bis zum Jahre 1935 blieb August Kirchhof in der Kindergottesdienstarbeit. Dann musste er seine Mitarbeit aus gesundheitlichen Gründen einstellen.
Als dritten „Kreis" gründete der Sägemüller Heinrich Brand, Liemer Weg, eine örtliche Gruppe des „Blauen Kreuzes". Sie tagte ebenfalls in einem Klassenraum der alten Volksschule und bestand bis zum 2. Weltkrieg. Danach vertrieb Herr Brand noch alljährlich bis ins hohe Alter hinein in Lieme die Kalender des „Blauen Kreuzes".

Kirchenkampf

Vom Kirchenkampf während des Dritten Reiches blieb die Kirchengemeinde Lieme nicht unberührt. Die Nationalsozialisten versuchten, wie überall, auch in Lieme durch massiven Druck Einfluss auf die Kirchenvorstandswahlen vom 23. 7. 1933 zugunsten der „Deutschen Christen" zu nehmen. Es war ihr Ziel, eines ihrer Parteimitglieder in den Kirchenvorstand zu bringen, obwohl ihm die vom Kirchengesetz vorgeschriebenen Voraussetzungen fehlten. Zunächst hatten sie Erfolg. Bei der Wahl erreichte der von den Nationalsozialisten vorgeschlagene Kandidat die notwendige Stimmenzahl. Doch dann weigerte Pastor Hossius sich, den Gewählten in sein Amt einzuführen. Obwohl das Landeskirchenamt in Detmold mehrfach die Amtseinführung des Kandidaten verlangte, scheiterte dieser Versuch am beharrlichen Widerstand der Vorsitzenden des Kirchenvorstandes, P. Hossius (1901-1933), Pastor Held (Vorsitzender während der Vakanz von 1933/34) und Pastor Schmidt (1934 bis 1960).
Die Predigten Pastor Schmidts, der sich der Bekennenden Kirche angeschlossen hatte, wurden deshalb zeitweilig überwacht. Mehrfach nahm Schmidt an geheimen Zusammenkünften in Berlin teil. Am 24. 8. 1938 richtete er, gemeinsam mit vier anderen lippischen Pastoren, eine Eingabe an das Landeskirchenamt in Detmold, in dem sich die fünf Verfasser der Eingabe weigerten, einen Eid auf den Führer Adolf Hitler zu leisten. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei unterzeichnete er mit 22 anderen lippischen Pastoren eine Erklärung, in der sie eine Ordnung für einen Gebetsgottesdienst befürworteten, die die vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche entworfen hatte. In dieser Ordnung, die die wütende Empörung von Partei- und Staatsstellen erregt hatte, war ein Bußgebet enthalten, in dem es u. a. hieß: „Herr, unser Gott, wir klagen dir unsere Sünden und unseres Volkes Sünden. Vergib und verschone uns mit deinen Strafen." Diese befürwortende Erklärung wurde am 14. Januar 1939 dem Reichskirchenminister in Berlin zugesandt. Auf dessen Verlangen eröffnete der Landeskirchenrat ein Disziplinarverfahren gegen die 23 Unterzeichner der Erklärung und sperrte ihnen das halbe Gehalt. In der Verhandlung vor dem Dienststrafgericht der Lippischen Landeskirche am 27. Februar 1939 wurden sie zwar freigesprochen, ihnen aber dringend geraten, um der Lippischen Landeskirche willen ein derartiges Vorgehen in Zukunft zu vermeiden.

Nach 1945

Wie in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, bewirkte auch die militärische und politische Katastrophe von 1945 eine kirchliche Neubesinnung, die zu einem neuen Selbstverständnis der evangelischen Kirche führte. Dieses neue Selbstverständnis wirkte sich in allen Gemeinden dahin aus, dass nach neuen Formen und Wegen der Gemeindearbeit gesucht wurde. Dieses Suchen nach neuen Wegen und das Erproben neuer Formen ist ein Kennzeichen der drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, auch in unserer Kirchengemeinde Lieme.


Neben Kindergottesdienst und „Bibelstunde" entstanden Jugendkreis, Frauenkreis und Posaunenchor. Neu wurden auch die Bibelwochen, in denen sich die Gemeinde eine Woche lang unter einem zentralen Thema intensiv mit biblischen Texten beschäftigte. Als Möglichkeit der Freizeit- und Feriengestaltung wurden interessierten Gemeindegliedern seit einigen Jahren Gemeindeausflüge und Ferienfreizeiten von der Kirchengemeinde angeboten. Im Gottesdienst, der zentralen Veranstaltung jeder Kirchengemeinde, hatten neue Formen Eingang gefunden. Familiengottesdienste, Jugendgottesdienste oder Gottesdienste in neuer Gestalt waren und sind Versuche, den Menschen unserer Gemeinde die Botschaft Christi in vielfältiger Form zu verkündigen. Ein großes Gewicht haben die sozialen Fragen bekommen. Unser Kindergarten und die alljährlich mit großem Erfolg durchgeführten Aktionen „Brot für die Welt" sind dafür Belege.