Kirche in Lieme

Gottesdienste und Gemeindeleben

Kirche in Lieme

Gottesdienste und Gemeindeleben

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Der Ziegelstein

Ein Ziegelstein aus der alten Ziegelei in Lage.

Die meisten Liemer lebten um 1726 kaum von eigenem Grundbesitz, sondern von Handweberei und -spinnerei. Als dieses Gewerbe im 18. Jahrhundert durch Spinnmaschine und mechanischen Webstuhl an Bedeutung verlor, suchten die Liemer neue Erwerbsquellen – viele wurden Ziegler: Wanderarbeiter, die von April bis Oktober in der Fremde arbeiteten, während ihre Familien allein zu Hause blieben. Am Abend vor der Abreise feierte man in der Liemer Kapelle einen Abschiedsgottesdienst mit Abendmahl. 150 Jahre lang prägte das Zieglerwesen das Dorf und machte es zu einem der wohlhabenderen der Region – noch heute gibt es in Lieme einen Zieglerverein.

⏱ 20 SekundenMein Papa geht jedes Frühjahr weit weg, um Ziegelsteine zu machen. Erst im Herbst kommt er wieder. Vorher gehen wir alle zusammen in die Kapelle und bekommen einen Segen für die Zeit ohne ihn.

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Stell dir vor, dein Papa oder deine Mama müsste von April bis Oktober weit weg arbeiten – zu Fuß bis nach Dänemark oder in die Niederlande – und du würdest sie ein halbes Jahr lang nicht sehen. Genau das ist vielen Familien in Lieme passiert, weil das Weben und Spinnen, mit dem sie vorher Geld verdient hatten, immer weniger wert war. Die Väter (und manchmal auch junge Männer) wurden „Ziegler" und stellten in fremden Ziegeleien Steine her, so wie den, der hier vor dir liegt. Bevor sie losgingen, gab es in unserer Kapelle einen besonderen Gottesdienst zum Abschied. Und wenn zu Hause etwas Schlimmes passierte, konnte man sich an die Kirche wenden – sie half, wenn sonst niemand da war. Was würdest du deinem Papa oder deiner Mama zum Abschied mitgeben, wenn sie so lange wegmüssten?

⏱ 20 SekundenIch bin 17 und gehe zum ersten Mal als Ziegler in die Fremde – zu Fuß, wochenlang, bis in die Niederlande. Vor der Abreise war ich in der Kapelle. Ehrlich: Ich hatte Angst, aber auch das Gefühl, jetzt endlich für meine Familie etwas beizutragen.

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Die Weberei, von der meine Familie früher lebte, bringt kaum noch Geld. Also gehe ich jetzt, wie viele andere aus dem Dorf, als Ziegler in die Fremde – zu Fuß, manchmal bis nach Dänemark oder Schweden. Am Abend vor der Abreise haben wir in der Kapelle einen Abschiedsgottesdienst gefeiert, mit Abendmahl. Ich weiß, dass ich meine Familie ein halbes Jahr nicht sehen werde. Manche meiner Freunde haben sich vorher Mut angetrunken, weil die Angst vor der Fremde und der harten Arbeit groß war. Aber ich weiß auch: Wenn zu Hause etwas passiert, springt das „Armenwesen" der Kirchengemeinde ein. Wir sind nicht allein, auch wenn wir weit weg sind. Was würdest du auf dich nehmen, wenn du wüsstest, dass deine Familie davon profitiert?

⏱ 20 SekundenMein Mann ist Ziegler, von April bis Oktober weg. Ich führe in dieser Zeit allein den Hof und die Familie. Es ist hart – aber ohne sein Geld könnten wir uns kaum über Wasser halten.

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Sechs Monate im Jahr bin ich mit den Kindern allein: Hof, Feld, Erziehung, alles liegt bei mir, während mein Mann als Ziegler durch halb Deutschland zieht, bis nach Dänemark oder in die Niederlande. Das Geld, das er mitbringt, brauchen wir dringend – unsere Weberei allein würde uns nicht mehr ernähren. Zum Glück sind wir in der Liemer Krankenkasse, und wenn das nicht reicht, gibt es noch das Armenwesen der Kirchengemeinde, das in Notfällen einspringt. Ich habe gelernt: Gemeinschaft zeigt sich nicht nur im Gottesdienst am Sonntag, sondern genau dann, wenn eine Familie durch die Abwesenheit des einen Elternteils an ihre Grenzen kommt. Was würde es für Ihre Familie heute bedeuten, wenn niemand außer Ihnen selbst einspringen könnte?

⏱ 20 SekundenIch war selbst Ziegler, später sogar Ziegelmeister mit eigenen Leuten. Aus einem armen Weberdorf wurde durch unsere harte Arbeit in der Fremde ein wohlhabendes Dorf. Bis heute gibt es unseren Zieglerverein.

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Ich bin als junger Mann zum ersten Mal als Ziegler losgezogen, weil die Weberei meiner Familie kein Auskommen mehr bot. Über die Jahre habe ich es zum Ziegelmeister gebracht – um 1900 gab es 45 solcher Meister allein aus Lieme. Was wir in der Fremde verdient haben, kam unserem Dorf zugute: Zwischen 1818 und 1871 wuchs Lieme von 681 auf über 1.250 Einwohner, es entstanden neue Höfe, neue Häuser. Aus einem Dorf armer Tagelöhner und Weber wurde ein wohlhabendes Dorf – 150 Jahre lang von uns Zieglern mitgeprägt. Bis heute gibt es einen Zieglerverein, der diese Geschichte wachhält. Wenn ich heute jungen Leuten davon erzähle, sage ich ihnen: Wohlstand und Gemeinschaft sind nie vom Himmel gefallen. Immer haben Menschen dafür etwas aufgegeben – damals ein halbes Jahr Familienleben, heute vielleicht Zeit oder Bequemlichkeit. Was seid ihr bereit zu geben, damit aus Lieme auch in Zukunft ein lebendiges Dorf mit einer lebendigen Kirche wird?

Quelle: nach F. Starke: Lieme. Eine Dorfgeschichte in Einzeldarstellungen. Blomberg 1997.