Der Reichstaler
Ein Reichstaler bzw. der Klingelbeutel, in dem früher Kollekten gesammelt wurden.

Mehr erfahren (ca. 1 Minute)
Stell dir vor, dein ganzes Dorf müsste zusammenlegen, um sich etwas ganz Großes zu kaufen – so viel Geld, dass eine einzelne Familie das niemals allein bezahlen könnte. Genau das ist 1726 in Lieme passiert: Damit das Dorf einen eigenen Pfarrer bekommen durfte, musste es 805 Reichstaler bezahlen. Das war so viel Geld, dass man dafür fast 100 Kühe hätte kaufen können! Manche Menschen aus Lippe haben sonntags in der Kirche etwas dazu gespendet, das nennt man Kollekte. Aber es hat trotzdem nicht ganz gereicht – die Leute im Dorf mussten sogar noch einen Kredit aufnehmen, also sich Geld leihen. Würdest du mit deinen Freunden zusammenlegen, wenn ihr euch etwas Wichtiges gemeinsam wünscht, das keiner allein bezahlen kann?
Mehr erfahren (ca. 1 Minute)
805 Reichstaler soll unser Dorf aufbringen, nur damit wir einen eigenen Pfarrer bekommen – das ist mehr Geld, als die meisten Familien hier in einem Jahr sehen. Eine Kollekte in ganz Lippe hat wenigstens 125 Reichstaler eingebracht, aber den Rest sollen die Grundbesitzer durch den Verkauf von Kirchenstühlen aufbringen. Selbst das reichte am Ende nicht: Zum Jahresende musste die Gemeinde noch einen Kredit aufnehmen, weil manche Bauern ihre Kirchenstühle nicht sofort bezahlen konnten. Ich habe lange gezweifelt, ob uns das wirklich so viel wert sein sollte. Aber wenn ich sehe, wie sehr sich die Älteren dafür einsetzen, merke ich: Es geht ihnen nicht nur um einen Pfarrer, sondern um etwas Eigenes, das wirklich uns gehört. Wofür würdest du bereit sein, so viel zu geben?
Mehr erfahren (ca. 1 Minute)
Als klar wurde, dass unser Dorf 805 Reichstaler aufbringen muss, damit wir kirchlich selbstständig werden, habe ich lange gerechnet, was ich mir leisten kann. Eine Kollekte aus ganz Lippe hat 125 Reichstaler gebracht, den Rest mussten wir über den Verkauf von Kirchenstühlen finanzieren – und selbst das reichte nicht, sodass die Gemeinde zum Jahresende noch einen Kredit aufnehmen musste. Ich frage mich manchmal, was uns eigentlich wichtiger war: die schlechte Versorgung durch St. Johann, die weiten Wege im Winter, eine richtige Schule für unsere Kinder, oder einfach eine eigene Identität als Gemeinde? Wahrscheinlich alles zusammen. Was mir aber klar ist: Selbstständigkeit gab es nicht umsonst – sie musste jede Generation neu bezahlen, mit Geld, mit Kredit, mit Verzicht. Was wären Sie heute bereit zu investieren, damit Kirche vor Ort bestehen bleibt?
Mehr erfahren (ca. 1 Minute)
Ich habe von meinen Eltern gehört, wie schwer es unserem Dorf fiel, die 805 Reichstaler für die kirchliche Selbstständigkeit aufzubringen – eine Summe, für die man damals über 100 Kühe hätte kaufen können. Trotz Kollekte und dem Verkauf von Kirchenstühlen reichte das Geld nicht, ein Kredit musste helfen. Finanzsorgen haben unsere Gemeinde von Anfang an begleitet, und doch hat sie 300 Jahre voller Umbrüche überstanden – die Liemer Kirche ist bis heute ein Wahrzeichen unseres Dorfes. Jetzt, wo wieder über Fusionen von Kirchengemeinden gesprochen wird, frage ich mich manchmal: Gehören wir in 50 Jahren wieder zu St. Johann? Ich habe darauf keine Antwort. Aber ich weiß: Unsere Vorfahren haben sich diese Selbstständigkeit nicht schenken lassen, sie haben sie sich erkauft, erstritten, abbezahlt. Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob wir eigenständig bleiben, sondern ob wir – wie sie damals – bereit sind, aktiv dafür etwas zu geben.
Quelle: nach F. Starke: Lieme. Eine Dorfgeschichte in Einzeldarstellungen. Blomberg 1997.