Die Schieferplatte vom Kirchenneubau
Ein Stück Schiefer vom Dach der 1925 gebauten Kirche.

1923, mitten in der Hyperinflation, begann die Gemeinde Lieme mit dem Bau eines neuen Kirchturms – ausgerechnet in einer Zeit, in der das Geld täglich an Wert verlor. Zwei Jahre später, 1925, wurde die alte, seit 1726 bestehende Fachwerkkirche abgerissen und durch einen kompletten Neubau ersetzt, dessen Dach die Brüder Hesse aus Detmold mit Schiefer eindeckten. Mehr als zwei Drittel der Baukosten kamen nicht aus einer vollen Kirchenkasse, sondern durch freiwillige Arbeit, Sachspenden und kleine Beiträge von Menschen, die selbst kaum etwas hatten.
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Weißt du, was Schiefer ist? Ein graues, flaches Steinchen, das man aufs Dach legt, damit es nicht durchregnet. Genau solche Steinchen liegen auf dem Dach unserer alten Kirche in Lieme – gebaut vor über 100 Jahren. Damals hatten viele Familien im Dorf sehr wenig Geld, manche Väter hatten keine Arbeit. Trotzdem haben alle geholfen: Die Männer haben mit Pferd und Wagen Steine herangefahren, ein Mann, der Holzschnitzer war, hat kostenlos schöne Verzierungen geschnitzt, und sogar die Kinder, die gerade konfirmiert wurden, haben von ihrem eigenen, hart verdienten Geld etwas dazugegeben, damit die Lieder-Tafeln in der Kirche bezahlt werden konnten. Was würdest du wohl geben, wenn du helfen könntest, etwas Wichtiges für alle zu bauen?
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Stell dir vor, du bist arbeitslos oder verdienst als Jugendlicher gerade genug für dich selbst – und trotzdem gibst du einen Teil deines Lohns für den Bau einer Kirche. Genau das haben wir Konfirmanden 1925 gemacht: Wir haben die vier Tafeln gestiftet, an denen sonntags die Liednummern angezeigt werden. Andere aus dem Dorf, die keine Arbeit hatten, haben stattdessen ihre Zeit gegeben – sie haben die alte Kirche abgerissen und die Baugrube ausgehoben, ohne dafür bezahlt zu werden. Ein arbeitsloser Holzbildhauer hat die Schnitzereien an Bänken und Pfeilern kostenlos gefertigt. Wir hatten kaum Geld, aber wir hatten Zeit, Hände und den Willen, dass diese Kirche entsteht. Was hast du zu geben, wenn Geld gerade knapp ist – Zeit, Ideen, Talent?
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Als wir 1923 mit dem Turmbau begannen, hatte unsere Kirchenkasse durch die Inflation praktisch nichts mehr wert – der ganze mühsam über Jahrzehnte angesammelte Kirchenbaufonds war verloren. Ein Kredit? Kaum möglich. Trotzdem haben wir es gewagt, weil das alte, kleine Kirchlein von 1726 einfach nicht mehr ausreichte. Wir haben Bausteine in Markscheinen an evangelische Pfarrämter in ganz Lippe verschickt, Schulkinder haben mit ihren Lehrern Bausteine verkauft, Landwirte haben unentgeltlich alles Baumaterial herangefahren, und am Ende wurde mehr als zwei Drittel der gesamten Baukosten durch freiwillige Leistung statt durch Bargeld finanziert. Ich frage mich manchmal: Woher nahmen wir eigentlich den Mut, ausgerechnet jetzt zu bauen? Ich glaube, es war nicht Sorglosigkeit, sondern die Überzeugung: Diese Kirche gehört uns nur, wenn wir selbst dafür einstehen – mit Geld, wo es geht, mit Arbeit, wo kein Geld ist.
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Als Kirchenältester saß ich mit in der Kommission, die den Bau begleiten musste, und ich kann Ihnen sagen: So einig war unser Dorf selten. Alle, ohne Unterschied des Standes und der Partei, wollten helfen, jeder an seinem Teil – das haben wir damals so festgehalten, und es war wörtlich wahr. Der Zimmermeister hat sich beim Dach verrechnet, sodass unser Turm bis heute eine eigentümlich stumpfe Spitze hat – manche fanden das hässlich, mittlerweile ist es das Erkennungszeichen unseres Dorfes geworden. Was mir wichtiger ist als der Turm: Diese Kirche wurde nicht von einer fernen Behörde für uns gebaut. Wir haben sie selbst gewollt, selbst finanziert, mit dem wenigen, das wir in einer der schwersten wirtschaftlichen Zeiten hatten. Wenn ich heute höre, dass junge Menschen fragen, warum sie sich noch für Kirche einsetzen sollen – dann erinnere ich mich an diesen Schiefer über unseren Köpfen und denke: Aus genau diesem Grund. Weil sie nur lebt, wenn man sie will.
Quelle: Gemeindebriefe „Bau der Liemer Kirche" (Teil 1 und 2); Chronik zum 50-jährigen Kirchweihjubiläum 1975; 250-Jahre-Festschrift (1976).