Der Holzschuh
Ein alter (Kinder-)Holzschuh, wie er von einfachen Landbewohnern getragen wurde.

Um 1726 lebten die meisten Liemer von Handweberei, -spinnerei und kleiner Landwirtschaft – Kötter und Heuerlinge, die kaum eigenen Grundbesitz hatten und mit sehr wenig Geld auskommen mussten. Der Holzschuh stand für ihren Alltag: billig, robust, alles andere als ein Statussymbol. Genau diese einfachen Leute mussten 1726 mithelfen, 805 Reichstaler „Ablösesumme" für die kirchliche Selbstständigkeit aufzubringen – ein für damalige Verhältnisse gewaltiger Betrag, der heute wohl mehr als 20.000 Euro entspräche.
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Meine Holzschuhe klappern laut, wenn ich über den Hof laufe, aber sie halten den Regen besser ab als gar keine Schuhe. Wir sind keine reiche Familie – mein Vater hat kaum eigenes Land, wir leben vom Weben und Spinnen. Als es hieß, unser Dorf müsse viel Geld sammeln, damit wir einen eigenen Pfarrer bekommen können, dachte ich: Wie sollen wir das schaffen, wir haben ja selbst kaum etwas? Aber alle im Dorf, auch die ärmeren Familien wie wir, haben etwas gegeben – manche Geld, manche Arbeit, manche ihre besten Stücke. Am Ende hat es gereicht. Was würdest du geben, wenn du nicht viel hast, aber trotzdem etwas Wichtiges mitgestalten möchtest?
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Manchmal ärgere ich mich: Die Grundbesitzer im Dorf können sich Kirchenstühle kaufen und damit zur Finanzierung unserer neuen, eigenen Gemeinde beitragen – wir Kötterkinder mit unseren Holzschuhen haben so etwas nicht zu bieten. Und doch, wenn ich ehrlich bin, will ich dazugehören zu dem, was hier entsteht. Am Jahresende 1726 hatte die Gemeinde sogar einen Kredit aufnehmen müssen, weil manche Bauern ihre Kirchenstühle nicht sofort bezahlen konnten – Geldsorgen hatten also nicht nur wir Armen. Vielleicht ist das ja gerade das Besondere: Diese neue Kirchengemeinde gehört nicht nur denen mit Geld. Sie gehört allen, die etwas dazu beitragen – auch mit leeren Taschen, aber vollem Einsatz. Wie ist das bei dir: Muss man Geld haben, um bei etwas dazuzugehören, das dir wichtig ist?
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805 Reichstaler musste unser Dorf aufbringen, damit wir einen eigenen Pfarrer bekommen – für uns kleine Leute in Holzschuhen eine kaum vorstellbare Summe. Ich besitze kein großes Stück Land, das ich als Kirchenstuhl verkaufen könnte, wie es die größeren Höfe tun. Also habe ich gegeben, was ich hatte: meine Arbeitskraft, ein paar Ersparnisse, meinen guten Willen. Eine Kollekte in ganz Lippe brachte immerhin 125 Reichstaler zusammen, aber den Rest mussten wir Liemer selbst tragen, „so gut sie konnten", wie es später in der Chronik heißt. Ich habe mich oft gefragt, ob es das wert war – dieses Opfer für eine Kirche, die ich vielleicht nie im fertigen Zustand erleben werde. Aber wenn ich an meine Kinder denke, die hier aufwachsen sollen mit einem eigenen Ort, an dem sie zur Schule gehen und getauft werden können: Ja, es war das wert.
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Wenn ich zurückblicke: Wir Kötter und Heuerlinge waren nie die, die man in einer Dorfgeschichte an erster Stelle nennt. Die Grundbesitzer haben Kirchenstühle gekauft, die Honoratioren haben beim Grafen vorgesprochen. Aber ohne uns, ohne unsere kleinen Beiträge, unsere Arbeit, unsere Holzschuhe im Matsch bei jedem Kirchgang, wäre diese Gemeinde auch nicht entstanden. Kirche war für uns nie etwas Abstraktes – sie war der Ort, an dem wir getauft, getraut und begraben wurden, ganz gleich, wie arm wir waren. Heute, 300 Jahre später, höre ich, dass viele Menschen sich fragen, ob sich ihr Beitrag überhaupt lohnt, wenn sie nicht viel geben können. Ich würde sagen: Es waren nie nur die Reichen, die diese Kirche getragen haben. Es waren vor allem die vielen kleinen Leute, die trotz wenig Besitz viel Willen hatten.
Quelle: „Der Reichstaler" (300 Jahre Kirchengemeinde); „Ziegelstein" (zur sozialen Lage der Liemer Bevölkerung).