Der Stein vom Steinhof – Engelbert Kämpfer
Eine Nachbildung/ein Abdruck des 2014 restaurierten Kaempfersteins, oder ein Foto davon.

Engelbert Kaempfer (16.9.1651 Lemgo – 2.11.1716 Lieme) war einer der bedeutendsten deutschen Forschungsreisenden seiner Zeit: Zehn Jahre war er unterwegs, vom russischen Zarenhof über Persien bis nach Japan, das damals fast völlig von der Außenwelt abgeschottet war. 1694 kehrte er zurück nach Lieme, bezog den Steinhof, den sein Vater 1675 gekauft hatte, und wurde von St. Johann in Lemgo zum „Armendechen" für Lieme berufen. Von hier aus setzte er sich – erfolglos – für eine eigene Pfarrstelle ein. Er starb zehn Jahre vor der endgültigen Genehmigung 1726 und hat die Selbstständigkeit „seiner" Gemeinde nie erlebt. Wichtig zur Einordnung: Zu Kämpfers Lebzeiten war der Steinhof ein privater Adelssitz, kein Kirchenbesitz – die Kirchengemeinde Lieme kaufte den Steinhof laut der 250-Jahre-Festschrift (1976) erst 1857 und nutzt ihn seither als Pfarrhof/Gemeindebüro.
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Stell dir vor, du reist zehn Jahre lang um die ganze Welt – durch Russland, durch Persien, bis nach Japan, wo damals kaum ein Ausländer hindarf. Genau das hat Engelbert Kämpfer gemacht, vor über 300 Jahren! Danach kam er zurück und lebte auf dem Steinhof hier in Lieme – damals gehörte der Hof noch nicht der Kirche, das kam erst über 100 Jahre später, heute ist dort übrigens das Büro unserer Kirchengemeinde. Er wollte, dass Lieme eine eigene Kirche und einen eigenen Pfarrer bekommt, und hat sich dafür beim Grafen eingesetzt. Aber er ist gestorben, bevor es so weit war. Erst zehn Jahre nach seinem Tod hat es geklappt. Fändest du es traurig oder trotzdem gut, sich für etwas einzusetzen, das man selbst nicht mehr erlebt?
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Ich habe Persien gesehen, den Schah, den Hof in Isfahan, bin um Indien gesegelt, habe in Japan als einer der wenigen Europäer überhaupt gelebt und geforscht. Und dann? Bin ich zurück nach Lieme gegangen, ein kleines Dorf bei Lemgo, und habe hier den Rest meines Lebens verbracht. Ich hätte woanders glänzen können. Stattdessen habe ich mich für die Menschen hier eingesetzt: für eine eigene Pfarrstelle, gegen den Widerstand mächtiger Leute in Lemgo. Ich habe den Erfolg nicht mehr gesehen – ich starb 1716, die Genehmigung kam erst 1726. Aber ich habe angefangen. Manchmal ist das Wichtigste nicht, ein Ergebnis zu sehen, sondern der Erste zu sein, der es überhaupt versucht.
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Nach meiner Rückkehr aus Japan hätte ich mich ganz meiner wissenschaftlichen Arbeit widmen können – ich hatte genug Material für Bücher, die noch hundert Jahre später als Standardwerk gelten würden. Stattdessen übernahm ich als Armendechen Verantwortung für die geistliche Versorgung von Lieme und setzte mich 1698 mit Nachdruck für eine eigene Pfarrstelle ein, gegen erheblichen Widerstand aus St. Johann. Die Amtszeit hat mich zeitlich stark eingeschränkt, ich kam kaum zum Schreiben. War es das wert? Ich habe die endgültige Genehmigung nicht mehr erlebt. Aber ich habe gelernt: Wer Verantwortung für einen Ort übernimmt, an dem er lebt, kann nicht einfach zuschauen, wenn dessen geistliche Grundversorgung mangelhaft ist – ganz gleich, welche anderen Aufgaben ihn ablenken könnten.
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Als Kämpfer 1694 zu uns zurückkam, war er längst ein berühmter Mann, der am Hof des Grafen als Leibarzt diente. Trotzdem hat er sich die Mühe gemacht, gemeinsam mit uns Kirchendechen zum Grafen nach Brake zu reisen und um eine eigene Pfarrstelle zu bitten. Als das abgelehnt wurde, ließ er nicht locker, auch wenn ihm dafür sogar Feindschaft entgegenschlug. 1716 ist er auf dem Steinhof gestorben, ohne den Erfolg unserer Bemühungen noch zu sehen. Zehn Jahre später, 1726, war es endlich so weit. Ich erzähle das den Jüngeren im Dorf gerne, wenn sie ungeduldig werden, weil sich etwas nicht sofort ändert: Manche der wichtigsten Dinge, die wir für unsere Nachkommen gestalten, sehen wir selbst nicht mehr vollendet. Das macht sie nicht weniger wertvoll.
Quelle: „Engelbert Kämpfer" (Dokumentation 300 Jahre Kirchengemeinde); Gemeindebrief Nr. 1 (1971); 250-Jahre-Festschrift (1976, Kauf des Steinhofs 1857); Deutschlandfunk-Beitrag von Irene Meichsner, 2.11.2016, „Tod des Forschungsreisenden Engelbert Kaempfer".